Die Resonanzen 2006 wählen den Titel “Les Femmes”. Das Thema Frauen in der Musik- und Kunstwelt ist – so scheint’s – unumgänglich. Man greift es auf, von den Wiener Philharmonikern im Neujahrskonzert bis zu Kunstausstellungen und Porträt-Sammlungen.
„Les Femmes“ – lassen wir uns nicht täuschen: das ist keine Ovation, keine Sichtbarmachung künstlerischer Leistungen von Frauen, auch kein feministischer Blick. Eher eine Dramaturgie der Kuriositäten, die die Prominenz der Szene einbindet und das alljährlich herbeiströmende Publikum nicht abschreckt.
Originell und subtil versucht die Dramaturgie “Les Femmes” zu erfüllen, gelegentlich sich auch herumschummelnd.
“Die Frauenquote stimmt”? – Wer Komponistinnen sucht, wird einzig Barbara Strozzi finden. Hana Blažíková und Dorothee Mields – nur zwei der ausgezeichneten und wohl ausgewählten Interpretinnen – erweisen der venezianischen Musikerin die Ehre. Ihr Programm heißt “Unglückliche Nachtigall”.
Das weitere Weibliche in den Resonanzen – ein breites Geschmacksfeld: Eine Mörderin, ermordete Frauen, Widmungsträgerinnen und eine Utopie der Frauenherrschaft, letztlich der Damenbart – wirklich?
Noch eine Assoziation zur Weiblichkeit, die menschen-unmöglich ist: die zur Mutter gewordenen Jungfrau Maria der Christenheit. In der Dramaturgie der Resonanzen führt sie zur Kathedrale Notre Dame und zum langen gehegten und berechtigten Wunsch des Wiener Konzerthauses, Leonin und Perotin aufzuführen.
„Les Femmes“ – das Motto führt behende zu großen Komponisten und zu jenen für ein Festival der alten Musik unverzichtbaren Interpreten. Wenn Jordi Savall – die Zeichen der Zeit geschickt erkennend – seine “Femmes”, dirigiert im Eröffnungskonzert dirigiert. Das barocke Italien baut ihm eine popluäre Brücke, die die Dramaturgie dankbar aufgreift; das Mädchenorchester der von den Familien weggelegten ungeliebten als Waisen in die Musikgeschichte eingegangenen Virtuosinnen und die Musik, die Vivaldi für sie komponierte.
Ist es eine schmähliche-reißerische Abwandlung des Weiblichen, die Musik der Lebensepoche der als “Blutgräfin” in die Geschichte eingegangenen Elisabeth Báthory-Nádasdy aufzuführen? Noch immer ist unklar, ob His-Story ihr, der Mächtigen und Wohlhabenden, eine Mordserie angedichtet hat. Und doch, ein feministischer Blick auf die mutmaßliche Vielfachmörderin: Katharina Bäuml leitet die Capella de la Torre, ein Bläserensemble aus Damen und Herren. Blasinstrumente waren lange den Frauen verwehrt, denn das “unzüchtige” Anlegen des Mundstücks an die Lippen führte zu allerlei erotischen Fantasien der Männer. Obwohl das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde im 19. Jahrhundert mit gleich vielen Mädchen wie Burschen als Studierenden begann, wurde den Frauen lange Zeit jeglicher Instrumentalunterricht verwehrt, erst Klavier und Geige, Unterricht in Blasinstrumenten erst spät. So hatten die Damenkapellen und europäischen Frauenorchester meist männliche Kollegen an den Blasinstrumenten.
Der historische Femizid, die ermordeten Frauen von Heinrich dem Achten bereichern das Motto: Das Ensemble “The Fine Hand” wählte den Titel “Die Frauenzimmer” für sein halb szenisches Konzert rund um den Tyrannen und Kirchenrebellen Heinrich.
Kann man mit einer satirischen Utopie über eine von Frauen beherrschten Insel dem Thema gerecht werden? Taugt das Thema Frauenherrschaft hur zur Satire? Baldassare Galuppis “L’uomo femmina” handelt von einem auf eine Insel verschlagenen Schiffbrüchigen, der sich den von Frauen bestimmten Gesetzen widersetzen will, während sein Gefährte sich mit weiblichen Accessoires in eine “Mann-Frau” verwandelt. Die Herrscherin wählt ihre Liebhaber, die wiederum aus Furcht vor der falschen Frisur oder eine anderen Lächerlichkeit Angst haben verlassen zu werden.
Für welchen Geschmack das traditionelle Essenskonzert steht, wenn das Motto “Damenbart & Hosenrolle” heißt, wird sich weisen. Hosenrolle gut – angesichts der Tatsache, dass es für Frauen noch bis in die 1960er Jahre verpönt war, Hosen zu tragen, dass 1938 eine Frau in Los Angeles inhaftiert wurde, weil sie in Hosen im Gericht erschienen war und dass im türkischen Parlament Frauen erst seit 2013 Hosen tragen dürfen.
Aber Damenbart? – etwas, das Frauen mit schmerzhaften Methoden verhindern wollen.
Die Resonanzen 2026 erkunden in Widmungsträgerinnen und Interpretinnen das Produktionsfeld der Alten Musik, als glückliche Gegebenheiten spielen ihnen heilige Jungfrauen und andere die Musik prägende Frauenschicksale zu.
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